Mittwoch, 22. März 2017

Lerntipps für die Schule, Uni, Vorträge oder das Leben

Der Mensch soll lernen, nur die Ochsen büffeln. (Erich Kästner)

Es ist ein Text für unterschiedlich alte Zweibeiner, deshalb sind Fachbegriffe manchmal in Klammern erklärt. Und es sind keine Fünfminutentipps, sondern mehr grundlegende Hintergrundinformationen.

Einleitung

Es gibt verschiedene Formen des Lernens und verschiedene Systeme, nach denen diese verschiedenen Formen klassifiziert (eingeteilt) werden.
Es gibt dazu Begriffe wie Kurzzeitgedächtnis, Langzeitgedächtnis, prozedurales Gedächtnis, implizites Gedächtnis, explizites Gedächtnis, Ultrakurzzeitgedächtnis, sensorisches Gedächtnis, lernzielorientiertes Lernen, leistungsorientiertes Lernen und so weiter und so weiter.
Das ist aber eigentlich alles gar nicht so wichtig, denn eigentlich zeigt es nur wie Wissenschaft funktioniert. Es zeigt was passiert, wenn Menschen etwas noch nicht wirklich verstanden haben - dann bilden sie Modelle um Dinge zu beschreiben und Vorhersagen zu treffen um anschließend mit Versuchen diese Modelle zu bestätigen oder zu widerlegen, um dann gegebenenfalls neue Modelle zu erstellen, diese wieder zu überprüfen und so weiter.

Vorwissen

Nehmen wir uns eines dieser Modelle, welches nur grob der Wirklichkeit entspricht, aber ein paar grundlegende Eigenschaften unseres Gehirns sehr gut abbildet: Das Deep-Learning (du kannst einen deutschen Untertitel einblenden und die Geschwindigkeit etwas herabsetzen, wenn du noch nicht so gut zu Fuß bist mit deinem Englisch):


Darin ist beschrieben, wie unser Gehirn lernt Dinge auseinander zu halten: Laute, Gegenstände, Gesichtsausdrücke, Muskelbewegungen und vieles mehr. Darauf aufbauend lernen Menschen Sprechen (↗Sprache und der Einfluss auf unsere Wahrnehmung), Fahrradfahren, Laufen und alles andere.
Einmal seine Muttersprache gelernt, kannst du dieses gelernte Wissen dazu benutzen anders zu lernen, wie zum Beispiel konkrete Fakten oder eine Fremdsprache.
Bei dem Erlernen von Jahresdaten, dem Verstehen der Mathematik und dem Erlernen einer Fremdsprache ist dir vielleicht schon einmal aufgefallen, dass du diese Sachen alle anders lernst und hinterher anders benutzt.
Für eine Fremdsprache nützt es dir in den meisten Fällen sehr wenig, wenn du alle Grammatik Regeln auswendig daher sagen kannst oder sogar verstanden hast. Es ist viel nützlicher sie einfach anwenden zu können. Und in der Mathematik nützt es dir rein gar nichts, wenn du Lösungswege wie Jahresdaten auswendig lernst oder die Regeln anwenden kannst, aber nicht verstanden hast, was du da tust. Das ist wichtig zu unterscheiden für die verschiedenen Lerntipps.

Allgemeine Hinweise für das Lernen von Fakten

Zu Beginn aber ein paar allgemeine Tipps:
  • Das Gehirn sortiert wichtige von unwichtigen Dingen beim Schlafen und speichert (lernt) nur die, welche es als wichtig bewertet. Ausreichend Schlafen ist also wichtig für dein Gehirn, damit es genügend Zeit hat gelerntes Wissen abzulegen. Deshalb ist lernen kurz VOR dem Schlafen gehen auch sehr effektiv. Kleine Anmerkung: Deshalb schlafen Babys soviel, denn sie haben jede Menge zu lernen.
  • Die Beurteilung von wichtigem und unwichtigem Wissen ist nicht wirklich bewusst steuerbar und sie ist nicht objektiv, sondern wird durch deine Emotionen beim Lernen gesteuert. Dinge, welche du mit Emotionen verknüpfst, behältst du deshalb immer besser, als langweilige Sachen. Du solltest also möglichst vor, nach und während des Lernens kein Fernsehen gucken, keine Musik hören, keine Computerspiele spielen oder in deinen sozialen Netzwerken herum trödeln. Aufgrund der Lichtreize, der dargestellten emotionalen Beziehungen/ Inhalte, der persönlichen Involviertheit (wie stark du daran beteiligt bist) insgesamt, etc. sorgst du sonst dafür, dass du dich daran ganz genau am nächsten Tag erinnerst, aber nicht an das, was du lernen wolltest (↗Warum sind emotionale Inhalte immer interessanter für gesunde Menschen, als nicht emotionale). Das heißt, du solltest dich auch nicht Streiten. Und Babys sollten sich nicht in den Schalf weinen.
  • Du solltest nicht unter Stress lernen, weil du dann zwar schnell viel lernst, das Gelernte aber  nicht kreativ einsetzen kannst. Außerdem konditionierst (trainierst) du dich darauf, das Lernen Stress bedeutet. Da dein Körper Stress gern aus dem Weg geht, erziehst du dir eine sehr niedrige Motivation an für alles, was mit Lernen, Schule, Wissen, Verstehen, etc. zu tun hat. Und du sorgst dafür, dass du den Stress jedes Mal wieder in dir erzeugst, wenn du mit diesem Wissen konfrontiert wirst - also auch für die Prüfung. Gerade wenn du eh schon Prüfungsangst hast, ist das gar nicht gut. ↗Ein paar Tipps gegen Prüfungsangst sind hier gelistet. Das sollte im Übrigen auch Eltern/ Dozenten/ Gruppenleitern unbedingt bewusst sein: Menschen/ Kindern mit Drohungen und Angst zu guten Noten treiben zu wollen oder mit Erniedrigungen ist äußerst kontraproduktiv (kontra heißt gegen etwas und produktiv heißt hier einen Nutzen erbringend).
  • Beschäftigungen die vor und nach dem Lernen gut tun: Sport, Schlafen, Hausarbeiten wie putzen (also stumpfsinnige Dinge), Pflichten im Allgemeinen (Abrechnungen, ...), Entspannung, monotone Dinge, welche Konzentration erfordern euch aber gefallen (Löten, Origami, Malen, Stricken, etc.) oder anderen das eben gelernte Erklären, ...

Konkrete Lernratschläge für Fakten

So nun zu ein paar konkreteren (hier: greifbar, direkt umsetzbar) Lerntipps:
Wie lernt man Fakten, deren Wissen oder Unwissen keinerlei persönliche Bedeutung besitzt:
  • 1. Möglichkeit: lerne diese Fakten im Zusammenhang mit interessanten Informationen. Reine Daten können spannender werden, wenn man sie in den größeren Zusammenhang bringt. Beispiele: Du interessierst dich für Medizin und in der Schule ist gerade die Steinzeit dran? - Wusstest du, dass die Menschen in der Steinzeit schon Operationen am Gehirn durchgeführt haben und die Menschen in 50 % der Fälle überlebt haben - finde die am ältesten zurück datierten Funde dazu und stelle das in Relation zu dem Datum, dass du dir merken muss. Welche Mittel hatte man in der Steinzeit zum operieren, wie wurde das umgesetzt und warum wurde das später wieder verlernt.
    Ein anderes Beispiel ist die 1848er Revolution in Deutschland - wusstest du, dass Ignaz Semmelweis erstmals herausgefunden hat, was man gegen Kindbettfieber tun kann? - Was ist Kindbettfieber, warum hat ausgerechnet Semmelweis das herausgefunden und wann - Wann war das Datum was du dir merken solltest in dem Zusammenhang - wie weit war Semmelweis da bereits mit seinen Erkenntnissen? Wie hat die Revolution Semmelweis' Leben beeinflusst und zu welchem Zeitpunkt?
    Oder du bist eher an Philosophie interessiert? -Wusstest du, dass le Bon sein sehr berühmtes Werk "Psychologie der Massen" anhand der Erfahrungen zu diesen Ereignisse aufgeschrieben und Schlüsse daraus gezogen hat? Welche Ereignisse (die du gerade lernen solltest) könnte mit welcher Aussage in seinem Buch korrelieren (~zusammenhängen).
    Oder bist du doch eher von Musik begeistert? Welche Komponisten lebten zu der Zeit und was haben sie kurz davor und danach gemacht? Hatten die Ereignisse Einfluss auf ihr Werk und in welcher Form? Welche Melodien von ihnen werden heute noch in neue Lieder eingeflochten?

    Diese Lernmethode ist recht zeitintensiv, hat aber den Vorteil, dass du eine ziemlich gute Allgemeinbildung bekommst und du neben den Fakten vor allem lernst dein Wissen unglaublich stark zu vernetzen und damit langfristig wesentlich besser wirst in der Schule. Außerdem bekommen die gelernten Fakten dadurch eigentlich erst einen Sinn, denn nur Daten zu wissen - dafür gibt es mittlerweile Suchmaschinen. Allerdings wirst du sehr vermutlich kein Bestschüler, sondern nur ein guter Schüler von den Noten her, so wie unser Bildungssystem aufgebaut ist, es hilft dir aber im Leben.
  • 2. Möglichkeit: Du hast gar keine Interessen, keine Interessen, die in irgendeiner Form mit deinem Lernpensum zu tun haben oder schlichtweg ergreifend keine Zeit oder Motivation soviel Zeit fürs Lernen aufzuwenden. Den ersten Punkt solltest du unbedingt ändern, jeder sollte etwas haben, wofür er sich interessiert und was er gern macht, das hilft sich darauf zu besinnen, wenn es zum Beispiel mal beruflich, beziehungsmäßig oder gesundheitlich nicht so klappt oder man insgesamt Stress hat. Wenn man dann einmal ohne Ziele dasteht, ist der Frust nicht allzu groß und kann leichter überwunden werden.
    So. Und in den anderen Fällen gibt es verschiedene Mnemotechniken für sture Fakten.
    Und im Prinzip nutzen diese Mnemotechniken Tricks, um die oben vorgestellte Lerntechnik zu "simulieren" (nachzuahmen). Dein Gehirn lernt nur Dinge, welche mit Gefühlen und anderen Zusammenhängen verbunden sind oder die völlig ungewöhnlich sind, sozusagen wider (entgegen) den eigenen Erwartungen. Wobei das auch ein Gefühl hervorruft - eine sehr positives, nämlich Überraschung. Ein Aspekt den du oben im Video erklärt bekommen hast ist, dass unser Gehirn die Umwelt abbildet, um Vorhersagen für die Zukunft machen zu können. Ist das Gehirn einmal ausreichend auf ein Problem trainiert (kann es also Züge von Häschen unterscheiden), wird diese Problem nicht mehr weiter vertieft, weil das sinnlos Energie verbrauchen würde (und unser Körper neigt in der Regel über kurz oder lang dazu möglichst wenig Energie zu verbrauchen). Erst wenn du zu den Häschen und Zügen wieder etwas Neues/ Unerwartetes hinzufügst, kann es wieder Interessant werden.
    Ein weiterer Punkt, den du oben in dem Video vermittelt bekommst ist, dass eine der "untersten" (betrachtet aus Sicht der Verarbeitung der Informationen, nicht unbedingt räumlich) Schichten in deinem Gehirn räumliche Informationen beinhaltet und sehr vieles darauf aufbaut. Wenn du dir entsprechend Dinge vorstellen kannst in einer räumlichen Struktur, dann werden viele Schichten gleichzeitig aktiviert und das bewirkt, dass du dir diese Sachen gut merken kannst. (Andere sehr grundsätzliche Informationen sind Duft und Geräusche)
    Die Mnemotechniken verbinden oft beides: zum Beispiel die Loci-Methode (Stichwort: Assoziationskettenmethode) von lat. locus "der Ort" in Verbindung mit der Schlüsselwortmethode. Dazu musst du dir einen Weg einprägen- durch dein Zimmer/ Wohnung/ Schulweg/ Videospiel/ entlang deines Körpers - was du magst, mit möglichst vielen Details, an denen du jedes mal verweilst, während du dir die Strecke einprägst.
    Nun brauchst du Phantasie: Beginne dir das was du lernen möchtest (Listen wie zeitliche Abfolgen, Beschriftungen von schematischen Zeichnungen, Namen, Folgen von Ereignisse wie eine Steigerung des Salzgehaltes der Meere, etc.) mit in diesen Weg Tippel-Tappel-Tour mit lustigen, inhaltlich - oder klangähnlichen Assoziationen (Gedankenverbindungen) einzubasteln. Diese Methode eignet sich auch hervorragend für freie Vorträge und Reden, wenn du den Faden nicht verlieren möchtest.

Hinweise zum Lernen einer Sprache

Wenn man eine Sprache erlernen möchte, dann in der Regel deshalb, weil man sie benutzen möchte um zu kommunizieren. Eine Fremdsprache ist also in den meisten Fällen eher ein Werkzeug, als das Ziel selbst. In diesem Fall ist es am besten, wenn man die Sprache spricht und versteht ohne darüber nachzudenken, du also kein explizites, sondern implizites Wissen hast. Zum Einen kann man dafür natürlich auch Vokabeln lernen - gerade bezogen auf die Rechtschreibung und die Aussprache. Und man sollte ein paar grundlegende Grammatikregeln, Deklinationen, etc. kennen. Aber anders als in der Mathematik muss man Sprache in erster Linie nicht verstehen, sondern können. Dafür kann man am besten, nach den besagten ersten Grundlagen, möglichst viele Fremdsprachentexte übersetzen und zwar richtig Satz für Satz abschreiben und Wörter nachschlagen. Dies erscheint zu Beginn sehr mühsam und der Erfolg wird sich am Anfang nicht einstellen. Es ist also kein Lerntipp für gute Noten in kurzer Zeit, sondern für gute Noten am Ende der Schulzeit, beziehungsweise gute Leistungen beim tatsächlichen Gebrauch. Wenn du eine Sprache auf diese Art und Weise lernst wirst du die Regeln nicht benennen können, aber richtig anwenden lernen. Nachdem du diese Übersetzungsarbeit etwa einen halbes Jahr regelmäßig durchgehalten hast (manche schaffen das natürlich viel schneller, andere brauchen länger), kannst du dich auf das Sprechen fokussieren und auf das Verstehen der gesprochenen Sprache. Letzteres geht ganz gut mit Filmen die einen Untertitel in der jeweiligen Fremdsprache habe und Ersteres indem du entweder Selbstgespräche führst oder besser mit einem Muttersprachler regelmäßig redest, wenn es dazu die Möglichkeit gibt. Anders als Grammatikregeln solltest du jedoch hierfür stärker mit explizitem Wissen arbeiten. Da Menschen etwa im Alter von 8 Monaten anfangen die Fähigkeit zu verlieren alle Sprachlaute zu differenzieren, musst du dich dafür mit etwas "höheren" Gehirnschichten auseinandersetzen. Dafür gibt es Beschreibungen der Zungenlage, der Stelle der Vibrationen des Kehlkopfes (die man zum Beispiel mit sanftem Handauflegen überprüfen kann) und so weiter, um die Sprachlaute richtig zu sprechen, obwohl man selbst den Unterschied am Anfang gar nicht bemerkt, lernt man mit der Zeit diese feinen Abstufungen wahrzunehmen. Um an Sprachmaterial heran zukommen musst du kein Geld ausgeben. Auf Videoplattformen wie YouTube gibt es dazu jede Menge Angebote. Und wenn du das auch noch mit etwas Sinnvollem (Nachhaltigem) verbinden möchtest, kannst du selbst Untertitel hinzufügen.

Hinweise zum "Lernen" von Mathematik


Wie ist das in der Mathematik? Ziel von Mathematik ist nicht sinnlos irgendwelche Formeln oder Rechenwege zu beherrschen.  Leider gibt es für diese Art des Lernens noch keine anschaulichen Modelle wie das Deep-Learning. Das ist auch der Grund, warum man Computer bisher nicht wirklich als intelligent bezeichnen kann, denn solange man das nicht in Modelle packen kann, ist es auch sehr schwer bzw. eher unmöglich diese Form des Lernens nachzubilden beziehungsweise zu programmieren. In der Psychologie nennt man diese Art des Lernens, Lernen durch den "Aha-Effekt".

Wer mit Mathematik Schwierigkeiten hat, neigt oft dazu durch ständiges Wiederholen von verschiedenen Rechenaufgaben, sein Gehirn die Regeln hinter den Aufgaben selbstständig erfassen zu lassen. Ich möchte nicht sagen, dass diese grundsätzlich schlecht ist. Denn Kinder, die sonst gar keine Mathematik lernen würden (wie zum Bespiel die meisten Kinder mit Downsyndrom), können so zumindest bestimmte Grundwerkzeuge erlernen, um Mathematik an einfachen Stellen im Alltag trotzdem einsetzen zu können und dadurch eine wesentlich größere Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit erlangen. Darüber hinaus sorgt diese Vorgehensweise ab und an auch für den "Aha-Effekt". Eine berühmte Entdeckung, welche auf diese Art und Weise gemacht wurde, war zum Beispiel das Periodensystem der Elemente von Mendelejew, der nach monatelanger Beschäftigung mit dem Problem der Sortierung der Elemente, nachts von der Lösung geträumt hat. Das Faszinierende daran ist, dass zum Zeitpunkt der Entstehung des Periodensystem sehr viele Elemente noch gar nicht bekannt waren, geschweige denn das man etwas von ↗Außenelektronen, etc. wusste.

Das Problem an dieser Methode ist, dass man zum Üben in der Mathematik nie das volle Sprektrum aller Regeln durch unzählige Aufgaben abdecken kann. Es gibt Schulmodelle (z.B. Waldorf und soweit ich weiß Montessori) und auch ein paar wenige Hirnforscher (wie u.a. Manfred Spitzer & Gerald Hüther), die zwar genau das vorschlagen, aber das sind Menschen, die keine Ingenieure, Physiker, geschweigedenn Mathematiker sind und deshalb das Problem darin nicht erkannt haben. Es nützt niemandem etwas, wenn jemand ein Problem löst mit den Mitteln für einfache Systeme (zum Nachschlagen: z.B. ein Eingrößensystem beschrieben mit linearen Differentialgleichungen), um beispielsweise ein einfaches Wirtschaftsmodell zu erstellt, alles richtig nach Schema F löst und darauf aufbaudend Vorschläge für Gesetzesentwürfe erstellt, wenn der Ansatz falsch war, von linearen Zusammenhängen und nur einer Einflussgröße in der Wirtschaft auszugehen. Außerdem ist das eine sehr langweilige und zeitintensive Art sich der Mathematik zu nähern.
Leider ist unser Schulsystem so aufgebaut, dass man vor allem sehr schnell sein bei allem und nicht unbedingt viel verstanden haben muss. Man kommt also bis zum Abitur oft besser durch und mit besseren Noten davon, wenn man einfach so lange übt, bis man alle Aufgabentypen einigermaßen "auswendig" kann und spult das dann in der Klassenarbeit unglaublich schnell wieder ab. Das Ergebnis davon ist, dass die meisten Mathematik nicht mögen und nach spätestens 3 Jahren alles wieder vergessen haben. (Leider ist das auch öfters in der Universität so)

Man kann und sollte natürlich, NACHDEM man verstanden hat, was man macht, einige Rechenregeln automatisiert einüben. Es ist einfach nicht sinnvoll nur das Prinzip der Grundrechenarten verstanden zu haben, weil man dann bei komplexeren Aufgaben zu langsam ist. Und in diesem einen Punkt, ist es dem Lernen einer Sprache ähnlich, denn es hilft die Symbole in der Mathematik wie eine Sprache/ Vokabeln zu beherrschen, um den Inhalt leichter aufzunehmen. Deshalb gibt es viele Aufgaben, die man lösen soll, um genau das zu beherrschen. Das ist wie das Übersetzen eines Textes aus einer fremden Sprache nur immer MIT der Verbindung zum Verstehen der Regel.
Davor sollte man aber möglichst den Weg verstehen.
Was hilft beim Verstehen des Weges und der Herleitung? Anwendungsbeispiele, verschiedene Erklärungen durch andere (Personen, Bücher, Videos), eigenständiges grafisches Veranschaulichen des Problems (viele mathematische Probleme lassen sich grafisch darstellen und oft gibt es ähnliche Darstellungen schon) und selbst verstandenes Wissen weiter erklären. Ein gute Beispiel für die grafische Veranschaulichung eines Problems ist im Übrigen oben das Video zum Deep-Learning, einer der Gründe, warum ich dieses Video sehr mag.

Warum hilft anderen Erklären einem selbst?

Fortsetzung folgt


Samstag, 15. August 2015

Ist Fernsehen vorsätzliche Körperverletzung von Minderjährigen?

Aktuell:

↗Unsere Pedition "Für die Demokratisierung der öffentlich rechtlichen Rundfunk- & Medienanstalten"

"Die Leute sind gar nicht so dumm, wie wir sie durchs Fernsehen noch machen werden." Hans-Joachim Kulenkampff

Vornweg, es geht nicht darum, irgendwelche Dinge grundsätzlich zu verbieten – ich habe eine persönliche Meinung zu bestimmten Filmen und „künstlerischen Ausdruckformen“, aber diese sind nicht Bestandteil meiner Klage, sondern ob bestimmte Formen des Angebotes öffentlich finanziert werden dürfen. Es sind zweierlei Dinge ob ich Horrorfilme, Musikanten Stadel, Alkohol, …  nicht öffentlich-rechtlich finanzieren darf oder verbieten möchte. Finanziert werden dürfte und sollte höchstens die unabhängige Aufklärung der Gefahren dieser Angebote, nicht die Angebote selbst.
Hinzu kommt die Differenzierung von voll rechtsfähigen Bürgern und Minderjährigen bzw. Schutzbefohlenen. Es sind also entsprechend wieder zwei völlig unterschiedliche Dinge, ob ich Erwachsenen etwas gestatte nach der eigenen Entscheidung zu konsumieren oder eben Minderjährigen (vergleiche Rauchen, Alkohol und so weiter).
Ein weiterer Punkt ist, dass Schutzbefohlene selbstständige Persönlichkeiten sind, deren Rechte sich nicht auf die Fähigkeiten der Eltern beschränken, geschweige denn dass Eltern über Besitzrechte an ihren Kindern verfügen, auch wenn Eltern das häufig gern übersehen. Es geht auch nicht darum Eltern zu verurteilen, wenn man einmal Teletubbies sieht, sondern darum, die Verantwortlichen des Programmes (Sender) nicht aus der Verantwortung für die Konsumenten (Kinder) zu entlassen mit der Begründung, es sei allein Sache der Eltern. Die Gestaltung des Programmes hat außerdem so zu erfolgen, dass Eltern zuhause keine Kämpfe austragen müssen, um ihre Kinder vom Fernsehen abzuhalten oder besondere Sicherheitsvorkehrungen treffen müssen, damit der Fernseher nicht einfach anzuschalten geht. Die meisten Eltern müssen (und wollen und sollen, wenn auch meiner Ansicht nach zu lang) Arbeiten gehen. Wenn die Kinder also nach der Schule nach hause kommen ist häufig kein Elternteil vor Ort.

Was heißt das?

Ich darf einem Kind nicht vorsätzlich eine Zigarette/ Alkohol/ Drogen /Medikamente anbieten, nur weil es unfähige Eltern hat und ich darf sie Kindern nicht einfach zugänglich machen, selbst wenn Eltern ihre Aufsichts- und Fürsorgepflicht verletzen. Ich möchte damit nur verdeutlichen, dass es NICHT alleine Aufgabe der Eltern ist, sich darum zu kümmern, dass Kinder das Falsche ansehen. Ich darf ein Kind auch nicht Schlagen oder sonst wie misshandeln, nur weil seine Eltern gerade nicht in der Nähe sind und/oder ihre Aufsichtspflicht verletzen. Und vom Prinzip her ist man sogar verpflichtet einzugreifen, wenn Eltern ihre Aufsichtspflicht verletzen und damit ihrem Kind schwere Schäden zufügen, selbst wenn es nur fahrlässig ist. Deshalb wurde Kinderarbeit und ähnliches in Deutschland verboten und besondere Schutzrechte und –pflichten bezogen auf Kinder eingeführt. (Schutzbefohlene lt. Strafgesetzbuch Art.§225[1]). Natürlich haben auch Eltern das Recht, bestimmte Dinge selbst zu entscheiden, da viele Dinge eben auch Ansichtssache sind, beziehungsweise eine Frage der Quantität. Zucker ist in entsprechenden Dosen auch giftig, deswegen ist ein Stück Schokolade im Allgemeinen nicht gefährlich, allerdings ist eine massenhafte Verteilung an Kinder wiederum nicht im Sinne des Wohles des Kindes und darf damit nicht gesellschaftlich finanziert werden, unabhängig vom Geisteszustand der Eltern.
Im Falle von Fernsehprogrammen, Computerspielen und Co bin ich deshalb gegen ein Verbot, bei hinreichend ausführlicher und qualitativ hochwertiger Aufklärung durch die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, aber strikt gegen eine öffentlich-rechtliche Finanzierung der meisten Angebote für Minderjährige. Es gibt ja auch gute Sendungen, die in kleinem Rahmen auch für Kinder entwickelt werden sollten, dazu aber unten mehr.
Eine Anmerkung noch: Frankreich hat nicht ohne Grund vor ein paar Jahren (2008) die Entwicklung von Fernsehprogrammen für unter 3 Jahren grundsätzlich verboten (vergleiche www.rollenspielsucht.de oder www.focus.de). Seither wurde die Altersempfehlung auf KiKa entsprechend grundsätzlich auf 3 Jahre hochgesetzt. Fernsehen ist also in keinem Fall harmlos.

Die öffentliche-rechtliche Finanzierung der Rundfunkanstalten hat ihre Ursache in dem Recht auf (unabhängige) Information, Kultur und die Möglichkeit auf Bildung. Die öffentliche-rechtliche Finanzierung der Rundfunkbeiträge dient dem Zweck, eine fortwährend hohe Qualität des Rundfunkprogramms zu bieten, frei von wirtschaftlichen Mechanismen/ Zwängen. Das öffentlich-rechtliche Programm sollte also überhaupt keine Steigerung des Konsums hervorrufen! Da Fernsehen als Medium an sich, also unabhängig von den Inhalten, zu körperlichen und seelischen/psychischen Schäden führen kann, wie Sucht, Übergewicht, Vernachlässig von sozialen Bindungen (auch die Betreuung der eigenen Kinder) müssten also das öffentlich-rechtliche Programm viel mehr so gestaltet sein, dass eine Senkung des Konsums und die Konzentration der Konsumenten auf wichtige und gute Inhalte erfolgt. Dies würde auch eine angemessene Senkung der Pflichtbeiträge insgesamt ermöglichen oder eine umfangreiche Erweiterung qualitativ hochwertigerer Angebote. Vergleiche der Kosten werden unten aufgeführt.

Im Zuge dieser Feststellungen folgt außerdem die Forderung nach einer gesetzlich geregelten Definition der Grundversorgung.

Eine Vorbemerkung noch zur Abgrenzung: Dieser Artikel ist nicht auf Grundlage einer anthroposophischen Weltsicht (Waldorf- und Rudolph-Steiner-Schulen, alternative Medizin, Impfkritiker, etc.) entstanden. Im Gegenteil: ich erachte diese Weltsicht als unangebracht.

In welcher Qualität und Quantität schadet Fernsehen Kindern?

Babys die auf die Welt kommen, können schon viel – mehr als die meisten denken. Babys können vieles aber auch nicht, was den meisten überhaupt nicht bewusst ist. Kinder müssen das, was sie wahrnehmen erst lernen zu interpretieren.

 Ein Beispiel Sehen: Ein sehr bekannter Fakt ist, dass Babys nach der Geburt die erste Zeit die Dinge (optisch bedingt) auf dem Kopf sehen, da das Gehirn erst lernen muss, das Bild zu drehen. Außerdem muss das Baby lernen: Was ist eine Kante und begrenzt so einen Gegenstand? Wie dieser Gegenstand im Raum liegt, wird anhand der Schattenverläufe interpretiert. Das ist noch relativ einfach für das Gehirn. Schwieriger wird es, wenn man nicht feste Gegenstände, sondern leicht verformbare Dinge aus Papier, Stoff oder Flüssigkeiten hat. Babys lieben daher Geschenkpapiere, oft viel mehr als die Geschenke selbst oder können Ewigkeiten mit Wasser aus dem Wasserhahn spielen. (Vergleiche diese kognitive Leistung mit einem Roboter (50 x Aufnahmegeschwindigkeit) )

Kinder können zum Beispiel Sprachlaute von anderen Lauten unterscheiden, sie müssen aber erst später lernen die einzelnen Sprachlaute zu differenzieren und das bei verschiedenen Stimmenlagen und persönlichen Spracheigenheiten jedes Sprechers. Wer die Herausforderung dabei erkennen möchte, kann sich mit technischer Spracherkennung auseinander setzen. Hinzu kommt die Anwendung von Regeln zur Satzbildung/ den Sprachregeln im Allgemeinen (vergleiche hierzu die Qualität des Übersetzungs­programmes von einem Milliardenkonzern wie Google). Eine ganz andere Baustelle ist wiederum der (unbewusste) Erwerb der eigenen motorischen Fähigkeiten zur Sprachlauterzeugung. Außerdem müssen Kinder lernen Mimik und Gestik zu interpretieren und sich in andere hinein zu versetzen, eines der kompliziertesten Aufgaben, die erst am Ende der Pubertät vollständig ausreift und auch dann in unterschiedlichen Qualitäten beherrscht wird. All dies geschieht jedoch nur auf Grundlage vieler unterschiedlicher Reize und der aktiven Interaktion mit der Umwelt. Unser Gehirn arbeitet dafür mit Hilfe von mathematischen Filtern. (vergleiche Rösler,F., Psychophysiologie der Kognition - Eine Einführung in die Kognitive Neurowissenschaft, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2011).

Was sind mathematische Filter und wie funktionieren diese in unserem Gehirn?


Ich möchte an dieser Stelle nicht genauer darauf eingehen wie Nervenzellen (hemmende und erregende) im Einzelnen funktionieren -wer das in der Schule nicht hatte/ vergessen hat, vergleiche hierzu das vielfältige Angebot im Internet. Sicherlich werde ich später dieses Thema tiefgründiger erklären. Natürlich ist diese Erklärung an vielen Stellen ungenau, jedoch hinreichend tiefgründig zum Verständnis der Zusammenhänge bezüglich der Themen Fernsehen, Sprache, Lernen und so weiter. Wir besitzen also sehr viele Neuronen, welche vereinfacht entweder im aktiven oder inaktiven Zustand sein können. Mit anderen Worten Neuronen können nur Strom leiten oder nicht leiten. Leiten sie einen Strom, fließt dieser immer nur in genau eine Richtung. Am Ende des Neurons angelangt trifft der Strom auf einen relativ hohen Widerstand durch die Membran der Nervenzelle. Dieser Widerstand ist abhängig von der Häufigkeit der Benutzung dieses Neurons. Wird eine dieser Verbindungslücken häufig benutzt, verringert sich der Widerstand, beziehungsweise die Leitfähigkeit erhöht sich. Am neuen Neuron angekommen kann, entsprechend der Höhe dieser Leitfähigkeit, stark oder weniger stark auf das nachfolgende Neuron eingewirkt werden, ob dieses also aktiv werden kann oder nicht. Ist die Verbindung also zu schwach zwischen diesen 2 Neuronen, ist es (im Prinzip) als ob kein Signal existiert hat. Das Signal wurde gefiltert. Da es nicht nur zwei Neuronen im Kopf gibt, kann es jedoch sein, dass viele Neuronen das eine (nachfolgende) Neuron gleichzeitig schwach anregen. So wird das Neuron doch ausreichend angeregt, um selbst aktiv zu werden und seinerseits ihm benachbarte, nachfolgende Neuronen zu beeinflussen. Nun steht jedes Neuron im Kopf für eine bestimmte Sache (zum Beispiel eine horizontale Kante, die eigene Mutti, Sinneszelle XY oder sonst etwas). Werden die Sehzellen also auf eine bestimmte Art und Weise (durch eine Querkante) angeregt, führt diese Form der Weiterleitung dazu, dass zum Schluss das Neuron „für eine querstehende Kante“ aktiv wird und sich daraus neue Erregungen herleiten. Fahren wir zum Beispiel gerade Fahrrad, ist auch der Teil „Fahrradfahren“ aktiv im Gehirn. Die Fahrradfahr-Neuronen zusammen mit dem Querbalken-Neuron regen dann das Neuron „Ausweichen“ gemeinsam an. Dieses wiederum sendet zur Fahrradfahrregion ein Signal, das gemeinsam die Aktion „Lenken“ in Gang setzt und unsere Muskelzellen ansteuert. So können wir lenken, ausbalancieren und ohne zu fallen weiter fahren. (Wer jetzt fragt, wo da das Bewusstsein ist – ja weiß der Teufel wo das ist ;) ).

Nun muss man sich also vorstellen, dass das Gehirn für sämtliche, wirklich sämtliche wiederkehrende Objekte, Gefühle, Eigenschaften und so weiter genau solche Filter einrichtet. Dafür braucht es viele –sehr viele Sinneseindrücke und es braucht auch die richtigen Sinneseindrücke. Da wir soziale Lebewesen sind (anders als gern in pseudowissenschaftlichen Tests und Studien behauptet) die gemeinsam besser überleben, als der Stärkste einzeln, ist der Mensch ein Lebewesen, welches besonders gut durch soziale Interaktion lernt. Zu sozialen Interaktionen gehörten bis vor Kurzem ausschließlich Hormone „Geruch“), visuelle Eindrücke, akustische, motorische Reize und so weiter –einzeln oder in Kombination. Schrift, Mobiltelefon und „soziale“ Netzwerke sind hingegen sehr junge Errungenschaften. Das sozial völlig vernachlässigte Kinder (auch Affen und andere Tier-Babys mit Brutpflege bei Vernachlässigung) sterben, deutet aus meiner Sicht auf einen Selektionsmechanismus von sozial nicht kooperationsfähigen Individuen hin, die der gesamten Gemeinschaft sonst schaden würden. Alltägliche REALE Beispiele sind aber wichtig. Fernsehen enthält Kindern aber viele Informationen vor und erzeugt künstliche Situationen mit künstlichen Abläufen und künstlichen „physikalischen Gesetzen“ (Schattenverläufe, Schallausbreitung,...). Auch ein Grund, warum so eine große Faszination vom Fernsehen ausgeht, denn es sind eben völlig „andere Gesetze“, als man sie sonst wahrnehmen kann. Und das Unregelmäßige beziehungsweise das Unbekannte ist spannend (weckt die Neugierde), weil es spannend sein muss für das Gehirn, denn es will ja genau das Neue lernen und nicht das Altbekannte. Nur so kann es sich auf möglichst viele spätere Situationen vorbereiten um richtig zu reagieren.

Sind die Beispiele falsch, bildet das Gehirn falsche Grundstrukturen für Sprache, Verhalten, Lösungsansätze und die Ansteuerung der Muskeln wird nicht ausreichend trainiert. Dies führt zu falscher Belastung und anschließend zusätzlicher Abnutzung des Bewegungsapparates, falsche Körperhaltung, falscher Atmung und so weiter. (Motorik, räumliche Vorstellung)

Wie wichtig reale Beziehungen für die Gesundheit sind, wird aus dem Artikel zum Thema Depression verständlich.

Welche Konsequenzen hat es, wenn also zum Beispiel eine Katze in einer komplett senkrecht gestreiften Umgebung aufwächst (an Menschen wurde das nicht getestet, man weiß aber, dass die Resultate die gleichen wären)? Die Katze wird ihr Leben lang keine horizontale Hindernisse erkennen, da sie kein Neuron und kein Netzwerk besitzt, welche für die Kategorie „quer“ zuständig ist und die Strukturen in ihrem Gehirn nicht mehr flexibel genug sind, diese Kategorie zu erstellen. Umgekehrt trifft dies auch auf Katzen zu, die in ausschließlich quergestreifter Umgebung aufwachsen. Bei der Interpretation von Situationen und komplexeren Geschehnissen ist natürlich das Erlernen komplexer und vielfältiger, jedoch das Prinzip das Gleiche. (Um zu verstehen, auf was ich mich beziehe, kann man das kurze Video ansehen über Deep-learning, diese Art des Lernens verwenden wir für z.B. den Mutterspracherwerb und eine Abbildung der Physik in unserer Welt, wie Schatten, Falleigenschaften etc.). Deshalb gibt es zum Beispiel kritische Phasen bis wann ein Kind (im Übrigen auch die Menschenaffen) mit einer Sprache (im weiteren Sinne, also auch Zeichensprache) ausreichend in Kontakt gekommen sein müssen, damit sie noch dazu fähig sind überhaupt eine Sprache zu erlernen.

Als Erwachsener besitzt man bereits (wenn alles richtig lief) die richtigen notwendigen Grundstrukturen (Vorstellungsvermögen, Sprache, Koordination und so weiter) und weil man langsamer lernt als Kinder und erweiterte Erfahrungen hat, schadet Fernsehen nicht im gleichen Maß. Man kann sich das wie einen Baum vorstellen – der Stamm und die größten Äste sitzen alle gut, sodass der Baum stabil steht – spätere Veränderungen werden eher bei den kleinen Zweigen vorgenommen. Kommt ein bisschen Wind, bricht vielleicht der eine oder andere Zweig ab, aber der Baum steht immer noch schön gerade und stabil. Es bedarf schon eines richtigen Sturms (zum Beispiel ein Schlaganfall) oder permanent Wind aus einer Richtung (viel zu viel Fernsehen) um grundlegende (ungesunde) Veränderungen vorzunehmen. Sind aber die Bedingungen für den Baum (das Kind) von Anfang an ungünstig, wird der ganze Baum krüppelig und instabil. Die Mammutbäume in den Urwäldern, konnten nur so groß werden, weil sie gerade nach oben gewachsen sind. Das heißt, ein Kind kann nur sein volles Potential (Intelligenz) erreichen, wenn das Fundament stabil ist. Dies lässt sich auch später nicht mehr wirklich verbessern. Das Nervennetzwerk verhält sich da wie ein Baum, welcher ab einen bestimmten Alter langsamer wächst und dessen Stamm, mit allen Verzweigungen, soll ja nicht abgesägt werden. Das heißt, wenn ein Kind seine Muttersprache gelernt hat, soll es sie ja nicht wieder verlernen – hier ist wieder der Schlaganfall ein gutes Beispiel, was die Folge wäre. Wie wichtig das am Beispiel der Sprache ist, wird sicherlich beim Lesen des letzten Artikels deutlich (siehe unten).

Wenn man also daraus schließend die Frage, ob es Körperverletzung und oder Misshandlung ist, wenn man ein Kind in einem ausschließlich quergestreiften Raum aufwachsen lässt mit „JA“ beantwortet, muss man einsehen, dass Fernsehen durchaus nicht harmlos ist. Denn es verändert molekular nachhaltig und zum Teil irreversibel den Körper des Kindes und schränkt es in seinen Entwicklungsmöglichkeiten lebenslang ein. Man darf entsprechend kein Kind dazu verleiten zu viel Fernsehen zu konsumieren (erst recht nicht öffentlich finanziert).

Wie man leicht daraus erkennt, sind die Inhalte des Fernsehens also durchaus sehr stark zu selektieren für Minderjährige und jemand der sich von Berufs wegen damit beschäftigt, weiß sehr wohl, dass es ungeeignete Inhalte gibt. Wenn er also auch noch damit wirbt, man halte hohe Qualitätsstandards ein und würde unbedenkliches Programm senden (vergleiche www.kika.de), dann ist das arglistige Täuschung und vorsätzliche Körperverletzung von Schutzbefohlenen und nicht einmal „nur“ fahrlässig.

Neben der hier beschrieben Art zu Lernen, nämlich für ein implizites Gedächtnis, gibt es natürlich noch weitere Formen, wie das explizite Gedächtnis, was auch das Lernen durch Erkenntnis beinhaltet. Das sind also logische Schlussfolgergungen, Fakten, etc.. Genauer gesagt, ist es das explizites Gedächtnis, wenn man weiß, dass fallende Gegenstände mit 9,81 m/s² beschleunigt werden, implizites Wissen ist, wenn man es intuitiv richtig auffangen kann (wobei dazu noch UNterscheidungen vorgenommen werden prozedurales Gedächtnis und so weiter). Und lernen durch Erkenntnis ist, wenn man eine Formel zur Berechnung herleiten kann. Das häufig zitierte Bauchgefühl ist auch eine Form des impliziten Gedächtnisses und auch unsere Motivation / unsere Lust Dinge zu tun, beziehungsweise die Angst vor Dingen und diese daraufhin sein zu lassen, beruhen auf dem impliziten Gedächtnis, da auch die Bewertung von Situationen darüber gespeichert werden. Fernsehen kann nun neben den impliziten Inhalten zu Arbeitsalltag, Familienleben, Problemlösungen, "Physik" und Co natürlich auch explizites Wissen vermitteln zum Aufbau des Universums, von Atomen oder Fertigungsprozessen und so weiter. Deshalb gibt es irgendwo ein Optimum für Inhalt, Dauer et cetera von Fernsehsendungen.

Aber ist es qualitativ hochwertig:

  • wenn Wissenschaftler ständig als verschrobene, verrückte unverständliche Kauze dargestellt werden?
  • oder die Teletubbies überhaupt in Betracht zu ziehen?
  • sich für Telenovelas nicht in Grund und Boden zu schämen?
  • im Nachmittagsprogramm direkt nach dem Unterricht, völlig falsche Berufsvorstellungen und Werte zu vermitteln?
  • Warum bitte vermitteln öffentlich rechtliche Sender überhaupt aktuelle Modetrends??? – So etwas ist Werbung.(zu "bewundern" zum Beispiel bei Sendungen wie "Du bist Style - Schminktipps für Jungs")
  • Und wenn man so etwas wie das KiKa-Kaninchen einführt, um dann entsprechende Produkte an das Kind zu bringen, dann sehe ich darin Schleichwerbung, die zu nichts weiter dient als privatwirtschaftlichem Gewinn: Es werden damit keine gemeinnützigen Zweck oder sonst etwas finanziert, sondern lediglich die Umsätze gesteigert, da private Unternehmen zur Produktion der Sendungen beauftragt werden. Diese behalten dann auch noch die Rechte daran in so fern, dass man es nicht allgemein für nicht kommerzielle Zwecke kostenlos nutzen kann, obwohl sie mit öffentlichen Geldern produziert wurden.
  

Kinderportraits from SIMONE HAECKEL on Vimeo. - Kinder beim Fernsehen der Augsburger Puppenkiste. (ohne Ton) 

Faszination Fernsehen


Bewegungen erzeugen eine höhere Aufmerksamkeit als eine starre Umgebung. Licht und bunte Farben sind ebenso ein Aufmerksamkeitsfänger. Wer dazu eine Begründung wünscht, kann sich gern in den Kommentaren dazu äußern, jedoch denke ich, dass dies allgemein bekannt ist. Fernsehen, und im Übrigen auch Videospiele, verfügen über diese aufmerksamkeitssteigernden Eigenschaften und üben schon allein deshalb eine unglaubliche Faszination aus. Da soziale Interaktion lebenswichtig für den Menschen ist, sind soziale, emotionsgeladene Interaktionen unglaublich spannend. Entsprechende Inhalte im Fernsehen steigern also noch einmal die Fähigkeit die Aufmerksamkeit des Konsumenten zu lenken. Der Vergleich zu Büchern hinkt entsprechend ettwas. Beim Lernen ist Dopamin im Spiel. Sämtliche dieser Faktoren sorgen ebenfalls für Dopaminausschüttung im Gehirn. Für Süchte sind falsch gebildete Neuronenstrukturen auf Grundlage von Dopaminausschüttung die Ursache. Deshalb kann Fernsehen zur Sucht werden. Da Kinder schneller lernen, ist es bei ihnen besonders nachhaltig und besonders schädlich. Wenn man dann noch so genannte Cliffhanger einführt um die Spannung zu steigern, dann ist das in meinen Augen besonders bei Kindern kein Kavaliersdelikt. Bedenkt man zusätzlich die Bedeutung von Bildschirmen für den späteren Beruf, ist eine Abhängigkeit im Kindesalter unbedingt zu vermeiden, denn man entkommt Bildschirmmedien nicht, anders als zum Beispiel einer Spielsucht.

Warum stört Fernsehen die Konzentration


Aus den gleichen Gründen warum es die Aufmerksamkeit steigert. Kinder gewöhnen sich an die ständige Dopaminausschüttung, welche ohne Aufwand erzeugt werden kann. Für viele Dinge braucht man aber ein bisschen Überwindung, Mühe und Zeit, ehe man sie beherrscht oder sie gelingen. Eine Abschluss-, Forschungs- oder Bastelarbeit und vieles andere ist nicht in 5 Minuten erledigt und vor allem funktioniert nicht immer alles sofort. Es gibt Versuche mit Kindern zur Impulskontrolle, welche häufig zitiert werden. Dabei geht es um den späteren beruflichen Erfolg im Leben in Abhängigkeit von der persönlichen Impulskontrolle.

Es gibt viele weitere neurobiologische Mechanismen, warum Fernsehen schlecht ist. Aber hier wird sonst der Text zu lang und die aufgeführten Aspekte finde ich für meine Argumentation an dieser Stelle hinreichend überzeugend. Es gibt also geeignete Inhalte und ungeeignete Inhalte und es gibt zu viel fernsehen. Und es gibt Konsumverhalten, welches nicht schadet. Beispiel: das Sonnensystem, Atome, Verhalten von Bonobos, Tiefseewesen und Co lassen sich viel einfacher darstellen mit einem kurzen Clip, als mit reiner verbaler Erklärung oder starren Bildern, die optimaler Weise von nahe stehenden Personen ergänzt werden.

Die Definition von Kultur und künstlerische Freiheit


Häufig höre ich das Argument – ja Kultur (und daher zum Beispiel Angebote wie der Musikanten Stadl) ist eben auch Aufgabe der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten. Kultur ist alles vom Menschen veranstaltete – Krieg, Gewalt, der Klo-Gang oder auch bestimmte der menschlichen Fortpflanzung entlehnte Dienstleistungen und die Darstellung dieser. Letzteres erfreut sich hoher Beliebtheit und es gibt daher im Internet massenhafte Filme mit zweifelhaftem Inhalt. Deswegen müssen diese nicht von den öffentlichen Rundfunkanstalten produziert/gekauft und präsentiert werden. Denn es gibt Kulturbestandteile die unserer Gesellschaft dienen und es gibt welche, die man eher vermeiden sollte oder wenigstens nicht fördern. Und da möchte ich das, was als Heimatlieder betitelt wird nicht verbieten und damit die „künstlerische“ und persönliche Freiheit einschränken, denn die dürfen das gerne tun – nur nicht öffentlich finanziert. Was im kulturellen Bereich öffentlich finanziert werden sollte sind unter anderem anspruchsvolle Kinder- und Volkslieder, welche sich privat nicht tragen würden, unserer Gesellschaft aber einen hohen Nutzen einbringen. Beispiel: wer als Kind und später viel singt (mit anspruchsvollen Texten), der erlernt nach einem Schlaganfall aufgrund der Verknüpfungen von verschiedenen Hirnregionen wesentlich einfacher und schneller seine Sprachfähigkeit zurück (an die Singmuffel-Väter – es hört euch keiner im Kinderzimmer beim "Schlafliedervorbrummen" :) )

Oder andere Angebote, welche nicht für ein passives Zuschauerverhalten sorgt sondern ein aktives – und das sollte man ja mit Testpersonen im Magnetresonanztopografen im Gehirn nachweisen können, falls jemanden die Unterteilung schwer fällt. Außerdem sollte es eine gesunde Lebensweise  (zum Beispiel nicht suchtfördernd, aber Förderung von Bewegung, liebvoller Erziehung, Stressabbau) unterstützen und auch dafür gibt es wissenschaftliche Methoden, um das einigermaßen eindeutig abgrenzen zu können.

Zur Erinnerung an dieser Stelle


Weiter oben hatte ich ja bereits ausgeführt, dass der öffentlich rechtliche Rundfunk keinerlei wirtschaftlicher Interessen zu verfolgen hat, sondern dazu da ist, unabhängig und qualitativ hochwertig zu produzieren, weshalb eine öffentliche Finanzierung gewährt wird. Ich hatte außerdem ausgeführt, dass man Kindern nicht schaden darf, selbst wenn dessen Eltern unfähig sind und man sie sogar aktiv beschützen muss. Der öffentlich rechtliche Rundfunk wird von allen finanziert (ja von allen, die Einkaufen gehen und damit schließlich auch die Mehrwertsteuer zahlen, die für die Finanzierung von Schulen und Ämter verwendet werden und auch die Rundfunkgebühren der Filialen, damit ist es nicht nur eine Haushaltsabgabe). Die öffentlichen Rundfunkanstalten haben damit neben Information, Bildung und Kultur den Auftrag nicht zu schaden. Im Gegenteil sie sollen sogar zusätzlich Schaden abwenden (das heißt möglichst zu bewirken, dass weniger Fernsehen gesehen wird – also auch weniger Privatfernsehen).

Direkte Kosten, die der Gesellschaft entstehen


Außerdem haben die öffentlichen Sender mehr als genug finanzielle Mittel. Zum Vergleich:

  • Die deutschen Hochschulen erhalten jährlich für die Bildung etwa 25 Milliarden € (Spiegel 12.12.2012) und da sind Professoren nicht unterbezahlt (allerdings können sich die wenigsten Schlösser leisten, im Gegensatz zu bestimmten Moderatoren).
  • Der jährliche Bedarf für Harz 4 ist inklusive der Verwaltungskosten (Lohnkosten der Angestellte, Räume, Heizung,...) gerade einmal etwa 4 mal (nach aktuellen Angaben, wobei ich auch schon Zahlen gefunden habe, dass die Einnahmen bei 11,5 Milliarden € jährlich liegen und laut der Zeit vom 17.01.2013 alleine die ARD 7,3 Milliarden € bekommt, offizielle Angaben belaufen sich auf reichlich 8 Milliarden € Gesamteinnahmen*  - fairer Weise: es dürfen diese zur Zeit noch nicht alle ausgegeben werden) so teuer und da bekommen bei Harz4 mehrere Millionen Menschen Wohnungen, Essen und Co bezahlt
  • Regisseure von Dokumentationen bekommen gerade einmal einen Stundensatz von 22 € (Die Bezahlung der Praktikanten möchte ich hier gar nicht erwähnen)
  • Alleine sämtliche Schulen in Deutschland bezahlen jährlich etwa 7 Millionen € Rundfunkgebühren. Das entspricht in etwa den Kosten, die man (also öffentlich die Rundfunkanstalt selbst) schätzt, was eine vernünftige Inklusion von lernschwachen Kindern in reguläre Schulen insgesamt zusätzlich kosten würde. Ganz unabhängig, ob ich es für sinnvoll erachte Inklusion von geistig weniger leistungsfähigen Kindern nicht im Nachmittagsbereich, sondern im Sachunterrichtsbereich durchzuführen.
  • und so weiter und so weiter

Insgesamt ist es außerdem fragwürdig, warum Universitäten, Schulen, Kitas, Ämter, Betriebe und so weiter überhaupt zahlen müssen – vor allem in bei der derzeitigen Qualität. Ich meine, wenn Betriebe für ein zusätzliches Bildungsangebot sich beteiligen, wäre das ja begründbar, aber KiKa und das Nachmittagsprogramm insgesamt ist ja leider eher ein gewichtiger Grund dafür, dass die Firmen sich immer häufiger über das Bildungsniveau vieler Absolventen beschweren.
Und ich weigere mich durch Finanzierung dieses Angebots mich mit strafbar zu machen – denn die Finanzierung von Körperverletzung ist Beihilfe und Beihilfe zu Straftaten ist strafbar; zusätzlich zu den moralischen Aspekten der Unterstützung solcher Programme. Und Wissen und Bildung ist der Grundstock für eine humanitäre Gesellschaft, im Sinne der Aufklärung. Wenn man bedenkt, dass ein Kind entweder mit 5 Jahren einen Flechtkörper (Tetraeder) ausschneiden und ordentlich zusammenbauen kann oder eben die Motorik in der 5. Klasse (Gymnasium) nicht besitzt (90 % dieser Klasse, auf die ich dies bezihe) und das Prinzip nicht versteht, dann möchte ich den gesellschaftlichen Schaden nicht ausbauen - ich meine man denke da alleine an Zahnärzte und Chirurgen.

* laut dem Geschäftsbericht des Beitragsservice 2014 verfügt dieser über 44,8 Millionen Teilnehmer, welche ganz oder teilweise zahlen;
Laut statistischen Bundesamt gab es 2014 "in Deutschland 40,2 Millionen Haushalte"
Laut dem Beitragsservice gab es etwa 3,5 Millionen Betriebsstätten, davon 657.000 Betriebsstätten ohne Berechnung.
Laut statistischen Bundesamt aber schon 3,3 Millionen Gewerbesteuerpflichtige (welche allerdings nicht alle zahlen müssen vergleiche Seite des Beitragsservice)
Ämter, Schulen, Kitas Hochschulen, Praxen, Firmenfahrzeuge (letztere beim Beitragsservice angegeben mit 4,25 Millionen) und so weiter zahlen müssen, finde ich die Zahlen  fraglich, wonach "nur" 8,5 Milliarden € eingenommen werden:
Laut Beitragsservice fallen durchschnittlich 17,98€ (2014) pro Betriebsstätte an. Das bedeutet, dass ich schon allein bei den voll zahlenden Haushalten und Betriebsstätten (38.864.894) mit 17,98€ pro Monat (2014) auf rund 8,34 Milliarden € für 2014 komme - da sind die in den öffentlichen Angaben aufgeführten Gästezimmer, Firmenfahrzeuge, Ermäßigten und so weiter gar nicht enthalten.

Johann-Ridinger, M., Neurowissenschaftliche Basis der Sucht, Hogrefe, Bern 2014 
Roth, G., Warum sind Lehren und Lernen so schwierig?, Zeitschrift für Pädagogik, 2004
Rösler,F., Psychophysiologie der Kognition - Eine Einführung in die Kognitive Neurowissenschaft, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2011
---anja---
18.07.2015

Samstag, 18. Juli 2015

Sprache und der Einfluss auf unsere Wahrnehmung

"Sprache ist ein Verkehrsmittel; so wie die Eisenbahn die Güter von Leipzig nach Dresden fährt, so transportiert die Sprache die Gedanken von einem Kopf zum anderen." (Wilhelm Oswald)
"Die Sprache ist der Leib des Denkens." (Georg Wilhelm Friedrich Hegel)

Sprache soll an dieser Stelle nicht nur in der akustischen Form sondern auch, analog einer Zeichensprache, als strukturell ähnliches Kommunikationsmittel verstanden werden.

Sprache - Besonderheit des Menschen?

Spielende Orcas
Eines vorweg – Nein, Sprache ist nichts, was nur der Mensch besitzt, auch einige Tierarten besitzen etwas Analoges zu der menschlichen Sprache und Bonobos können sich menschliche Sprachmuster zu eigen machen. Nicht die Sprachlaute an sich, das gibt die Anatomie von Bonobos nicht her, jedoch das verstehen und das eigenständige Benutzen einer Bildsprache (mit Lexigrammen), mit einfachen Grammatikstrukturen. Wale und Delphine weisen jedem ihrer Gruppenmitglieder unterschiedliche Namen zu und haben zwischen unterschiedlichen Gruppen Dialekte. Diese besitzen zum Teil so große kulturelle Unterschiede, dass die Mitglieder unterschiedlicher Gruppen sich aktiv aus dem Weg gehen oder sich gut verstehen und begrüßen. Raben können Aussprüche von Menschen sinnhaltig imitieren. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass die tierische Kommunikation insgesamt viel ähnlicher den Mustern der menschlichen Sprache folgt, als vielen Menschen lieb ist (vergleiche hierzu: ↗scimondo.de). Was das für Tiergruppen in Zoos oder für Auswilderungsprogramme bedeutet, insbesondere bei Handaufzuchten, ist wiederum an betreffenden Stellen zu diskutieren.

Bedeutung von Sprache 




Das Video zeigt zum Einen eindrucksvoll, dass selbst Kinder
mit Lernproblemen bereits frühzeitig zum leichteren Erwerb der
Muttersprache lesen lernen können, zum anderen, dass Sprache
die Entwicklung (Lernfähigkeit, Verständnis, abstraktes Denken,
Aufmerksamkeit, … ) entscheidend fördert und schließlich auch,
dass individuelle und gezielte Förderung in allen Fällen sehr viel
bewirken kann und das Leben schöner und selbstbestimmter macht.
Es zeigt aber auch einen Grund auf warum ich Inklusion von
lernbehinderten Kindern in der derzeit diskutierten Weise ablehne.
– im Nachmittagsbereich sehr gern und auch in Projekten
wie Hausaufgabenpatenschaften oder Projektwochen, aber
im Unterricht ist es besser getrennte Gruppen zu haben. Zumal
auch so Kontakte zu gleichaltrigen aufgebaut werden können
und nicht ständig das Gefühl vermittelt wird, alle anderen sind
besser.  Dazu wird es aber einen eigenen Artikel geben, da es
noch mehr Gründer gibt, gegen das derzeitig anvisierte Inklusions-.
konzept – Wie gesagt nicht grundsätzlich , aber anders. 

Dafür sollte aber die Möglichkeit eines anerkannten Schul-
abschlusses gegeben sein.

Sprache formt unseren Geist, das ist spätestens bekannt, seit man weiß, dass es für das Erlernen der ersten Sprache ein zeitkritisches Fenster gibt, nach welchem es fast unmöglich wird überhaupt eine Sprache zu erlernen. Außerdem muss man sich vorstellen, wie man sich ohne die Existenz einer Sprache über abstrakte Begriffe wie Bewusstsein, Variable oder Integrale nachdenken und sich austauschen sollte. Das heißt Sprache formt unser Denken – egal in welcher Form.
Bei der Arbeit mit geistig stark beeinträchtigten Kindern konnten Forscher außerdem beobachten, dass die Kinder, welche mittels aufwendiger Methoden rudimentäre Formen der sprachlichen Kommunikation (über aufleuchtende Symbolik) sich in ihrem Wesen veränderten und deutliche Anzeichen von mehr Zufriedenheit, beziehungsweise auch weniger Wutausbrüchen, zeigten. Außerdem folgte der Möglichkeit der Kommunikation und des Verständnisses von Sprache, dass neben der Steigerung anderer intellektueller Fähigkeiten bei diesen Kindern, sowohl die Aufmerksamkeit (Dinge zu bemerken) als auch die Konzentration zunahmen. Im Übrigen konnten bei Menschenaffen die gleichen Beobachtungen festgestellt werden, die mit Bildsprachen zu kommunizieren gelernt hatten (vergleiche "Kanzi - der sprechende Schimpanse")
Einmal eine Sprache ausdifferenziert gelernt ermöglicht sie andere „Wege“ des Lernens – nämlich nicht nur den intuitiven Weg durch ausprobieren, sondern den auf Grundlage von Erklärungen. Ein Vorgang der die Geschwindigkeit beim Lernen maßgeblich erhöht und damit in meinen Augen die Herangehensweise vieler immer beliebter werdender Pädagogikmodelle (so genannte Reformpädagogik) in Frage stellt. Kinder sollen und müssen eigenständig arbeiten und das Lernen lernen. Aber unsere Kultur beruht auf Kommunikation, deshalb sollte auch Wissen kommuniziert und aktiv weitergegeben werden. Gerade zu Beginn einer Schullaufbahn sollte daher Frontalunterricht nicht vernachlässigt werden, auch wenn man ihn mit freien Methoden kombinieren kann. Das Finnland lange Zeit auf den vorderen Plätzen bei Pisa lag, hat seine Ursache in viel Frontalunterricht, der mittlerweile auch dort sehr stark reduziert wurde. Aber gerade bei großen Klassen kann so am ehesten jedem Kind die erforderliche Herangehensweise vorgelebt und gleichzeitig darauf geachtet werden, dass alle Kinder aufmerksam bei der Sache sind.
Lange war die These, das Muttersprache unsere Denkweise nachhaltig prägt, sehr umstritten und zwischenzeitlich galt sie als überholt, da sie mehr als 150 Jahre lang nicht bewiesen werden konnte. Mittlerweile gilt sie als belegt.

Beispiele zur Bedeutung der Sprachvielfalt:


Schuldwahrnehmung
Einer der ersten Hinweise, dass Sprache unsere Wahrnehmung prägt war eine Beobachtung, dass Amerikaner im Gegensatz zu Japaner den Verursacher eines Missgeschickes mit größerer Verlässlichkeit bestimmten können, sofern es sich um ein Versehen handelt. Amerikaner legen bei der Beschreibung eines Vorganges immer sehr stark den Fokus auf die Benennung des Verursachers. Japaner beachten den Verursacher nur, wenn etwas absichtlich zerstört wurde. Handelt es sich hingegen um ein Versehen, beschreiben Japaner das Missgeschick eher passiv als „es ist zergangen“, statt „Peter hat es heruntergeworfen“.
Doppelte Verneinung
Die Analogie zwischen Verneinung und mathematischen Vorzeichenregeln: Im Russischen ist es üblich, dass verneinende Aussagen in etwa nach dem Schema „Niemand nicht hat …“ formuliert sind. Im Gegensatz zur Deutschen Sprache, wo es sinngemäß nur mit „Niemand hat …“ ausgedrückt würde und eine doppelte Verneinung sogar den Umkehrschluss bei wörtlicher Übersetzung der Aussage erfordert.
Zahlen 
Wortsalat

In Südamerika gibt es eine Sprache (Pirahã) ohne Zahlwörter, wo auch Erwachsenen Rechnen und Zählen nicht, beziehungsweise nur eingeschränkt, erlernen können. Gleichzeitig gibt es in dieser Sprache keine konkreten Farbbezeichnungen sondern es werden Vergleiche gezogen, so dass das Dunkel der Nacht umschrieben wird mit „der Urwald/die Umgebung ist kackig“, eine sehr interessante Sichtweise der Dinge ;).
Besitzt eine Sprache für verschiedene Farbnuancen ein gesondertes Wort, so ist die Geschwindigkeit, diese Farbtöne zu unterscheiden messbar größer. Wieder ein Beispiel aus der russischen Sprache, welche ein Wort für hellblau und eines für dunkelblau besitzt. Erklärt man Versuchspersonen die Unterschiede der Einteilung, können aber auch diese relativ schnell erlernen ebenfalls schneller eine Unterscheidung zu treffen.
Beschreibungstiefe
Ein heraus stechendes Merkmal der deutschen Sprache sind die Substantivwortzusammensetzungen (Ja, genau diese Wortschlangen) zur genauen Spezifizierung, was eine sehr genaue Beschreibung/ Abgrenzung ermöglicht. Allerdings gibt es darin auch lustige Regeln, die für einen Nichtmuttersprachler eher schwierig sind: Warum betrifft Hautschutz unsere Haut, Mückenschutz aber eher selten den Schutz der Mücken? Warum könnte man sagen Hautmückenschutz und meinte damit die menschliche Haut und warum verteilt niemand Mückenhautschutz auf der Haut? Und auch eine so genannte Satzklammer ist vor allem in der formalen deutschen Sprache für Ausländer eher ein Graus. Wieder eine Möglichkeit etwas sehr konkret und genau zu beschreiben, aber auch sehr kompliziert zu formulieren.
Nebenbei erkennt man bereits an der Länge und Verschachtelung, wer einen englischen Text verfasst hat. Sind beide Merkmale besonders stark ausgeprägt, kann es nur ein deutscher oder italienischer Muttersprachler gewesen sein ;).
Was ich unterhaltsam finde ist, wenn kleine Kinder beim Spracherwerb etwas „Bitte mit ohne“ haben möchten. Daran erkennt man Ausnahmen grammatikalischer Regeln, die einem sonst gar nicht bewusst werden.

Vielfalt der Sprachelemente

In einer der vielen Afrikanischen Sprachen gibt es über 200 Worte für die verschiedenen Arten des Gehens von "hüpfend" über "trampelnd" bis hin zu "wie eine Gazelle".
Das Japanische kennt keine Zeitformen im offensichtlichen Gegensatz zum Englischen, wo jede mögliche Form der Zeit genau definiert wird und das bei jeder Aussage. Konkret bedeutet dies, dass bei Untersuchungen zwischen Menschen verschiedener Sprachen, welche die Zukunft regelmäßig mit einer gesonderten Zeitform ausdrücken, die Zukunft weiter weg erscheint für diese Menschen, als bei Sprachen, wie dem Deutschen, wo im Alltag durch eingefügte Wörter wie „morgen“ ein Zukunftskontext hergestellt werden kann. Beispiel: Ich gehe morgen baden. Im Gegensatz zu: Ich werde morgen baden gehen. (Die deutsche Sprache kennt zwar eine grammatikalische Zukunftsform, jedoch wird sie im Alltag nicht so oft verwendet). Man nimmt an, dass daher deutsche Muttersprachler im Durchschnitt unter anderem eher sparen und weniger rauchen, weil die Zukunft näher liegt. – Das sind natürlich keine ausschließlichen Kriterien und es gibt in diesem Zusammenhang für den einzelnen wesentlich stärkere Einflussfaktoren, allerdings sind eben über die Gesamtheit der Muttersprachler leichte Tendenzen zu beobachten.
Sprache und die Vorstellung beziehungsweise Wahrnehmung von Zeit und Raum
Sprache und Schrift (Leserichtung) beeinflussen unsere Vorstellung von Zeit bzw. Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Dazu gibt es verschiedene wissenschaftlich Beobachtungen: Fordert man Europäer dazu auf Zeitfolgen bestimmte Bilder nach ihrer Vorstellung zu sortieren, dann legen diese die Karten von links (Zeitpunkt Null) nach rechts (jüngstes Ereignis). Menschen der arabischen Welt und hebräische Muttersprachler legen die Karten umgekehrt. Und die interessanteste Methode haben die Aborigines, welche die Karten immer von Ost nach West legen, egal wie sie selbst sitzen. Aborigines kennen in ihrer Sprache keine relativen Ortsangaben wie rechts und links, sondern beschreiben jede Position von Gegenständen zueinander mit Himmelsrichtungen. Was unter anderem dazu führt, dass sie zu fast jedem Zeitpunkt, auch in völlig fremden Gegenden oder Gebäuden sagen können, wo Norden ist und hervorragend zurechtfinden.
Ein weiteres Beispiel ist das leichte Beugen des Oberkörpers nach vorn, wenn von Zukunft die Rede (oder der Gedanke) ist und umgekehrt nach hinten, wenn die Vergangenheit behandelt wird. Jedoch trifft diese Beobachtung nur zum Beispiel auf Engländer zu. Aymara unterscheidet nur zwischen Gegenwart und nicht Gegenwart, daher neigen Muttersprachler ihren Oberkörper genau anders herum. So als ob die Vergangenheit der sichtbare/ bekannte Teil ihres Lebens ist und die Zukunft verdeckt beziehungsweise unbekannt hinter ihnen liegt.


konkrete Schlussfolgerungen aus der Sprachvielfalt

Die 3 Affen

Was heißt das nun? Sicherlich ist das erlernen von 1 oder 2 Fremdsprachen nicht falsch und sicherlich erleichtert eine 2. Muttersprache auch das Leben und sicherlich sollte man sich gemeinsam in der Welt auf eine gemeinsame Fremdsprache als gemeinsames Mittel der Verständigung fokussieren und sicherlich schützen Fremdsprachen auch vor den Symptomen einer Demenz oder helfen nach einem Schlaganfall wieder schneller sprechen zu erlernen. Aber gerade im Fall von Demenz hilft jede Form der geistigen Aktivität von Schachspielen über komplexe MINT-Sachverhalte zu lösen oder zu diskutieren.
Aber sollte es erstrebenswert sein, so viele Sprachen wie möglich zu lernen? Macht es intelligenter? Sind halbe Völkerwanderungen kreuz und quer über den Planten und damit das Verschwinden vieler Sprachen gut für den Fortschritt? Leider sind die Antworten bei diesen Fragen immer sehr merkwürdig. Klar es ist nicht schön, wenn man überall die gleiche Kultur hat, aber das als Argument gegen wirtschaftliche Interessen vorzubringen ist eben einfach nicht ausreichend und verhallt ungehört. Spracharmut schränkt aber unsere Weltsicht ein. Wie meine ich das? Zum Beispiel ist es so, dass man viele Erkrankungen (Krebs, Autoimmunerkrankungen, …) an vielen kleinen und unauffälligen Veränderungen des Körpers erkennt von der Hautfarbe, über Gesichtszüge bis hin zu der Art des Gehens. Wenn ich also jetzt einen Menschen habe, dessen Muttersprache schon darauf ausgelegt ist jede erdenkliche Form des Ganges mit einem eigenen Wort sehr fein zu differenzieren, dann hat dieser Mensch einen geschulten Blick für Veränderungen und Auffälligkeiten in der Gangart, eine sehr interessante Möglichkeit für die recht einfache und schnelle Diagnostik von Erkrankungen. Wenn man, wie die Italiener und Deutschen gern für jeden Sachverhalt komplizierte Satzkonstruktionen zur eineindeutigen Beschreibung  verwendet, ist das ein super Weltbild für ingenieurtechnische Fragen. Wenn ich von Zeit ein anderes Verständnis als ein geordnetes habe kann man zum Beispiel die Aussage der Relativitätstheorie ganz anders interpretieren oder verstehen und dadurch andere Schlussfolgerungen ziehen. Sicherlich lassen sich dafür noch viele andere Beispiele finden.
Uns gehen also ganz konkrete Sichtweisen verloren, die uns helfen könnten, Probleme zu lösen. (Das gleiche gilt im Übrigen für Artenvielfalt: Konzerne dürften weitaus interessierter sein den Regenwald und Co zu schützen, mit der Begründung, dass dort Unmengen an Innovationskonzepten zu finden sind, als dass es doch so schön und wichtig ist das zu schützen . Ich sehe das ja nicht anders, nur emotional können Menschen unangenehme Gedanken einfach aus ihrer Wahrnehmung verdrängen und leugnen, wenn diese aktuellen Vorzügen im Weg stehen. Daher ist eine auf das Weltbild des Gegenübers abgestimmte Diskussion wesentlich zielführender.) Ist es gut so viel wie möglich Sprachen zu lernen, am besten von klein auf? Ich denke nicht, sicherlich finde ich eine Fast-Zweisprachigkeit durch Au-pair-ähnliche Betreuungshilfen in den KITAs eine super Idee und auch die Erklärung der Eingeschränktheit der eigenen Sprache gehört meiner Ansicht nach in die Schule zusammen mit vielleicht einer 2. Fremdsprache, jedoch finde ich, dass es darüber hinaus nicht gut ist, wenn jeder die Eigenart seiner Sprache verliert und damit die Denkweisen einander immer mehr angeglichen werden. Das Gleiche gilt für die von Wirtschaft und Gesellschaft so hochgelobte Flexibilität. Man nimmt dadurch nicht nur Kindern die Großeltern. Man sorgt auch dafür sorgt, dass Familien zerreißen und dadurch das Stresslevel der Bevölkerung steigt. Daher erhöht sich die Anfälligkeit für Stresserkrankungen (vergleiche Artikel über ↗Depression). Man nimmt aber auch die Vielfalt der Weltbilder und damit einen Grundstein für interessante und vielfältige Ideen und Lösungen. Ein Austausch im kleinen Rahmen ist super und hilfreich, aber nur, wenn er nicht durch äußere Zwänge wie Krieg, wirtschaftliche Not und ähnliches künstlich erzeugt wird und dadurch in unfreiwillige „Völkerwanderungen“ ausartet.

Bedeutung für andere Bereiche 


Eine anderer Punkt ist die Frage, wenn Sprache uns so prägt, wie beeinflussen uns dann frühe Erfahrungen und Erklärungen zu den MINT-Bereichen? Logische Herangehensweise, Denkweise und Beschreibung von Dingen? Und sind die derzeitigen Angebote, welche für Kinder vorhanden sind wirklich gute Lösungen? Besteht Wissenschaft aus bloßem Staunen und bewundern? Oder kommt die nachhaltige wirklich tiefe Form der Begeisterung für Wissenschaft nicht aus dem Verständnis von Zusammenhängen?! Dem Gefühl etwas begriffen zu haben und dass man nach mühseligen konzentrierter Arbeit zu Ergebnissen kommt, die man selbst von sich nie erwartet hätte?! Denn das Letztere ist in meinen Augen doch der wirkliche Spaßfaktor an Wissenschaft. Das fällt aber nicht vom Himmel, es muss gelernt werden und am besten durch Vorbild und mit Unterstützung von Erwachsenen.
---anja---

Mittwoch, 27. Mai 2015

Die Depression - wenn alle Stricke reißen


"Ob es Unglück bringt, wenn dir eine schwarze Katze über den Weg läuft, hängt alleine davon ab, ob du ein Mensch oder eine Maus bist." (Konfuzius)

Verschneite Fußspuren auf einem Steg.

Depressionen bezeichnen eine seelische Stresserkrankung, welche auch nachhaltig die Aktivität von Genen beeinflusst und damit auf molekularer Ebene Körperfunktionen verändert. Laut Studien erkranken etwa 15% der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens mindestens einmal an einer starken Depression und zusätzlich leiden etwa weitere 15% mindestens einmal an einer depressiven Verstimmung. Allein die Zahl von jährlich etwa 11.000 Suiziden in Deutschland zeigt annähernd den Umfang der tiefgreifenden Folgen einer Depression für die Betroffenen. Depressionen treten gehäuft in dem Lebensabschnitt zwischen 20 bis 30 auf und im Alter von etwa 50 Jahren. Nicht zuletzt der Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft geschuldet reagiert das Umfeld Betroffener sehr schnell ungeduldig und verständnislos und führt damit leider häufig zu einer Verschlechterung der Erkrankung.

Prävention von Depressionen


Zur Vorbeugung gegen Stress hilft im Allgemeinen Ausdauersport ohne einseitige Belastung 2-3 Mal die Woche mit Freude daran. Der Spaß am Sport ist wichtig – ich verstehe Menschen nicht, die völlig verbissen joggen gehen um abzunehmen und gesund zu bleiben. Wenn man den Sport nicht gern macht, tritt sowieso weder das eine noch das andere ein. Eigentlich muss Sport auch nicht mehr Zeit kosten. Die meisten Menschen fahren früh mit dem Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln auf Arbeit. Das ist sehr oft überhaupt nicht erforderlich, meistens dauert es mit dem Fahrrad nur unwesentlich länger und man hat gleich Zeit für Sport gefunden, kommt munter auf Arbeit und baut Stress von der Arbeit ab bevor man nach Hause kommt. Am besten ist es, wenn man sich während der Fahrt freut über Kleinigkeiten wie buntem Herbstlaub, Schneemänner, Weihnachtslichter, Sommersonne, frische Luft nach einem Regen oder die ersten Blümchen. Zwei andere, zusätzliche, Mittel sind ausreichend Schlaf und verschiedene Entspannungsübungen, zum Beispiel autogenes Training. Ein seit Facebook und Co, vermutlich auch von dir, völlig vernachlässigtes Gegenmittel ist das Pflegen von positiven realen Beziehungen. Ein letzter Hinweis sind 1-2 Hobbys, welche das Gefühl von Stolz erzeugen.

Symptome und Verlauf von Depressionen


Für Depressionen gibt es mehrere Unterteilungssysteme. Das in meinen Augen wichtigste daran ist, dass es vereinfacht depressive Episoden gibt, bei welchen eine Depression erst aufkeimt, um eine Weile später wieder abzuklingen und chronische Formen, bei welchen eine mehr oder weniger starke Grunddepression über lange Zeiträume besteht, wobei auch zwischenzeitlich Schübe auftreten.
Ein leeres Kopfmesh zwischen den Wolken.
 Die ersten Symptome einer Depression sind eine steigende innere Unruhe mit dem zunehmenden Gefühl der Überforderung. Darauf folgend reduziert sich fortlaufend die Lebensfreude und die Unternehmenslust. Auch der Appetit geht stark zurück, während zunehmende Schlafstörungen begleitet von anhaltender Müdigkeit den Betroffenen quälen. In anderen Fällen hingegen kann auch ständiges Schlafen bei bleibender Müdigkeit auftreten.
Daran anschließend folgt ein Gefühl von Schuld, Leere oder Minderwertigkeit beziehungsweise überflüssig zu sein. Es findet also ein Verlust des Selbstwertgefühles statt, was jedoch meist tiefer liegende Ursachen hat. Angemerkt sei, dass für Menschen das Gefühl der Wertlosigkeit maximaler Stress bedeutet. (Anmerkung: Dies sollte Grund genug sein zu verstehen, dass die Einstellung und öffentlich propagierte Meinung, dass Erwerbslose gern erwerbslos sind in der übergroßen Mehrzahl der Fälle völliger Unfug ist und lediglich als Mittel eingesetzt wird, um die Erpressbarkeit der Angestellten und damit den sozialen Stress zu erhöhen - meiner Meinung nach)
Schließlich treten häufig massive Konzentrations- und Gedächtnisstörungen auf, welche dem Erkrankten das Gefühl geben können sie seien an einer Demenz erkrankt. Alle Symptome zusammen schränken dabei die Leistungsfähigkeit massiv ein. Je nach Schwere der Depression können sich Schuldgefühle und das Gefühl der Wertlosigkeit bis zum Suizid(versuch) verschärfen.
Ist die Depression überstanden, folgt nach der Ersterkrankung in etwa bei der Hälfte der Patienten nach meistens 2 bis 5 Jahren ein weiterer Schub. Mit jeder weiteren Erkrankung erscheint das unten erklärte Auslöseereignis dabei von Mal zu Mal „unbedeutender“. Man trainiert sein Gehirn quasi „schneller und besser“ eine Depression zu bekommen. Ursprünglich schloss man daraus, dass es eine genetische Form der Depression gibt. Heute weiß man, dass eine einmal durchlebte Depression biologische, also sowohl molekulare und organische, Spuren im Körper hinterlässt unter anderem durch die Ausschüttung verschiedener Stresshormone wie CRH, Acetylcholin, Cortisol und Noradrenalin. Im Übrigen lässt sich eine Depression noch Jahre danach anhand der Stressreaktion und dem allgemeinen Stresslevel feststellen. Dies hat Auswirkungen auf den Alltag zum Beispiel in Prüfungssituationen, Vorstellungsgesprächen und anderen Zusammenhängen. Ein paar Tipps gegen ↗Prüfungsangst kann man auch in einem Beitrag vom 07.03.2015 von MINTiKi finden.

'Zielgruppe' von Depressionen


Bei dem erstmaligen Auftreten einer Depression geht immer ein (subjektives) bedeutendes und belastendes Ereignis beziehungsweise Verlust oder ein  drohender Verlust voraus. Dazu zählen unter anderem (drohende) Trennungen, Tod, Kränkungen und Überforderung (auch langanhaltende Überforderung). Allen Ereignissen gemein ist die Gefahr oder tatsächliche Verlust für zwischen­menschliche Bindungen oder Status. Dieser grundlegende Verlust ist ein notwendiger, aber kein hinreichenden Faktoren, anderenfalls würde jeder einmal an einer Depression erkranken.
Die unterbewusste Anfälligkeit unseres Nervennetzwerkes, dass aus solch einer Bedrohung eine Depression hervorgeht richtet sich dabei nach unseren Erfahrungswerten in der Vergangenheit. Wurden zu früheren Zeitpunkten, insbesondere im Kleinkindalter, von unserem Gehirn die Erfahrung schwerer unbeherrschbarer Stresssituationen gemacht, steigt das Risiko später eine neue Situation ebenfalls als unbeherrschbar einzustufen und damit anfälliger für Depressionen zu sein. Im Umkehrschluss führen positive Einschätzungen beziehungsweise Erfahrungen zu Zellwachstum, besserem Lernen, mehr Neugierde und Co. (Einer der Gründe, warum Mediziner die Beschneidung von Jungen generell als schwere Körperverletzung einstufen)
Ein allgemein erhöhtes Grundlevel an Stress erhöht natürlich die Anfälligkeit für Depressionen, hingegen viele reale und positive soziale Kontakte, das Risiko senken. Von einer Depression genesene Menschen neigen fortan häufiger zu bindungsverbessernden beziehungsweise bindungssichernden Verhalten.

Behandlung bei einer Depression


Totale Sonnenfinsternis in Japan 2012.
Psychotherapie hilft, wenn sie hilft, deshalb weil der Psychotherapeut dem Patienten erstens eine stabile, geduldige und neutrale Bezugsperson gibt und zweitens den Patienten dabei unterstützt Situationen neu zu bewerten. Dadurch formt sich das Nervennetzwerk stückweise um. Außerdem kann eine neutrale Person Probleme aus anderen Perspektiven betrachten und neue Möglichkeiten beziehungsweise Wege aufzeigen. Eigentlich selbsterklärend ist der Hinweis, dass sich Patient und Psychotherapeut verstehen müssen, damit eine Therapie eine positive Wirkung haben kann. Zudem senkt eine gelungene Psychotherapie das Risiko, im Gegensatz zu Medikamenten, auf eine folgende Depression. Da Medikamente häufig Nebenwirkungen haben sollten diese nur in akuten Fällen eingesetzt werden und außerdem unter Begleitung einer Psychotherapie erfolgen, da manche Antidepressiva bei einigen Patienten die Selbstmordrate erhöhen, statt zu senken. Das Risiko steigt bei manchen Patienten auch durch das Absetzen der Medikamente.

Tragweite von Depressionen


Ein Beispiel wie Depression körperliche Erkrankungen begünstigt oder deren Verlauf negativ beeinflusst sind Herzerkrankungen, da während der Zeit der Depression (und Stress im Allgemeinen) die Schwankungsbreite der Herzfrequenz eingeschränkt ist, sodass weder der volle Ruhezustand erreicht wird, noch das volle Pumpleistungsmaxima. Dies führt verständlicher Weise häufiger zu Herzerkrankungen beziehungsweise verschlechtert die Situation andersherum bei bereits bestehenden Herzproblemen. Darüber hinaus supprimiert (=hemmt) Stress, und damit auch die Depression, hormonell unser Immunsystem, was dauerhaft sowohl das Tumorrisiko erhöht, als auch Krankheiten begünstigt, bei denen eine Deregulation des Immunsystems vorliegt, wie Autoimmunerkrankungen und Allergien. Angemerkt sei an dieser Stelle, dass das Fehlen von Krankheitssymptomen keinesfalls unbedingt als gesund einzustufen ist, da es auch einfach bedeuten kann, dass unser Immunsystem sehr stark supprimiert ist. Anzeichen dafür sind zum Beispiel das vollständige Fehlen von Fieber über lange Zeiträume hinweg. Ist man dabei zusätzlich noch übermäßig dünn, fehlt dem Körper außerdem ein sehr entscheidendes Organ zum Abbau unserer Stresshormone: unser Körperfett, welches außerdem auch für bestimmte Aufgaben der Immunantwort erforderlich ist.

Apell


Schlammrisse im Lehm während einer Dürrezeit.
Ein allgemeines Verständnis der Zusammenhänge zwischen psychologischen und physiologischen Erkrankungen sollte es zum einen ermöglichen unser Weltbild und unsere Gesellschaft zu überdenken und außerdem Neuropsychologen ermöglichen Patienten mit Hang zum Rationalen zu erklären, warum Psychotherapie funktionieren kann. Wenn psychologisch geschultem Personal wichtige humoristische Aspekte wie Ironie und Zynismus fremd sind, ereignen sich Fälle, wie dass Anfang zwanzig Jährige angehende Ingenieure, bei dem Versuch Autogenes Training zu erlernen und im Zusammenhang der Beschreibung ihrer Gefühlslage, ihren Unmut über die kleinkindähnliche Behandlung während der Kursstunden indirekt zu bekunden mit Aussagen wie: „Ja, dem Mark geht’s heut‘ gar nicht gut!“. Die esoterikähnlichen Behandlungen seitens mancher psychologisch ausgebildeter Menschen, die manchen Menschen gut helfen kann, stößt andere komplett ab. Im Übrigen trifft das auch schon auf viele Kleinkinder zu, selbst wenn diese das selten verbal verständlich kommunizieren. Der große Zulauf zu den esoterischen Kreisen zeigt, dass diese Herangehensweise durchaus ihre Notwendigkeit hat auch zum Schutz vor Zulauf zu Sekten. Jedoch sollten auch Angebote für naturwissenschaftlich – technisch geprägte „Geister“ vorhanden sein. Da im Fall der Depression zum Beispiel der Mangel an Motivation ein entscheidendes Symptom ist, wäre auch eine leicht auffindbare Kennzeichnung der eigenen Vorgehensweise des Therapeuten sehr vorteilhaft.
Ein Bezugspunkt zu meinen ↗Tweets vom 07.05.2015 :
Jedes menschliche Merkmal unterliegt, betrachtet über die Gesamtbevölkerung, einer gewissen Schwankungsbreite und ist in der Regel annähernd Normalverteilt. Dies gilt bei Eigenschaften wie Intelligenz, Sehstärke, Wahrnehmung und vielem mehr. Eine mehr oder weniger wichtige Eigenschaft des Menschen ist es unbequeme Dinge entweder zu verdrängen oder aus zu blenden, also nicht wahrzunehmen oder zu filtern. Manche dieser unbequemen Wahrheiten, Ereignisse oder Fakten betreffen unser Selbstbildnis, andere unser Weltbild. Ein Beispiel hierfür ist, dass sich die meisten Menschen für besonders nett, hilfsbereit, ehrlich, gut oder sonst wie positiv im Vergleich zum Durschnitt einschätzen. Ein anderes Beispiel ist, dass Menschen ab einem bestimmten Punkt die Konsequenzen ihres Handelns/ ihrer Haltung gern leugnen – also nicht nur anderen gegenüber, sondern auch sich selbst gegenüber. Das ist sehr normales menschliches Verhalten und bietet in manchen Situationen einen gewissen Schutz, zum Beispiel kann eine zuversichtliche Grundeinstellung bei einer aussichtslosen Krebserkrankung zu wahren Wunderheilungen führen. In anderen Fällen ist es eher schädlich oder wenigstens fraglich – wer das überprüfen möchte, kann dies gern in einer Diskussion mit manch einem Raucher/ Süchtigem, unglücklich Verliebten oder Fanatiker tun. Aber auch die Affinität unliebsame Dinge zu verdrängen unterliegt Schwankungen in der Bevölkerung. Es gibt Studien dazu, dass besonders an einer Depression leidenden Menschen diese Filter nicht oder nur sehr eingeschränkt nutzen und auch die allgemein bekannten „Pessimisten“ zählen mehr oder weniger zu dieser Gruppe. Eine Situation realistisch einzuschätzen und dies zu äußern stößt erstens sehr selten auf Gegenliebe und zweitens senkt sie nicht unbedingt das Stresslevel und damit die Anfälligkeit für Depressionen, daher meine persönliche Einschätzung, das interessantere Menschen wohl eher zu Depressionen neigen, als weniger interessante Menschen – hinterher sind sie auf alle Fälle interessanter. Im Übrigen erklärt dieser Punkt aber auch den möglichen Sinn einer Depression. Durch eine Depression lernt man Situationen realistischer einzuschätzen und daher vor allem im Zusammenhang mit sozialen Kontakten diese vielleicht rechtzeitig zu beschützen.
Ich hoffe die Zusammenfassung zu diesem Thema findet interessierte Leser und hilft dem einen oder anderen.
Die wichtigste Quelle zu diesem Artikel ist ein Buch von Joachim Bauer "Das Gedächtnis des Körpers - Wie Beziehungen und Lebensstile beeinflussen". Wer sich genauer dazu belesen möchte kann sich das Buch also entweder in der Bibliothek ausleihen oder zum Beispiel bei Amazon kaufen: ↗zum Buch auf Amazon ***


--anja--

Dienstag, 14. April 2015

Selbstorganisation in der Biophysik und warum Embryonen so empfindlich sind


"Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile." (Aristoteles) und
"Je mehr ich weiß, desto mehr weiß ich, dass ich nichts weiß." (frei nach Sokrates)

verschiedene Schleimpilze;
Quelle der Bilder und Arten
Motivation: So nun heute der Artikel, der mich zu der Erklärung vom 26.03.2015 genötigt hat.

Wie entsteht aus einer einzigen Zelle ein ganzer Mensch, ohne dass jemand kommt und von außen die Zellen zurecht rückt?
Wie wird von einem Moment auf den anderen aus vielen tausend einzelnen Schleimpilzzellen ein Schleimpilzwurm (vergleiche Dictyostelium discoideum), der plötzlich kriechen und hell von dunkel unterscheiden kann?
Woher "weiß" eine Pflanze, wo ein Blatt hin kommt und wo und wann ihre Blüte?

Die Antwort auf diese und viele weitere Fragen ist, wie der Titel schon verrät, Selbstorganisation. Was ist das nun und wie funktioniert Selbstorganisation im allgemeinen? Wenn man einen Teil der Welt beschreiben möchte, kann man dies auf verschiedene Arten tun - zum Beispiel malerisch, sprachlich oder mathematisch. Ich möchte an dieser Stelle für dich die mathematische Betrachtung wählen. Dafür gibt es das Modell des Systems, du nimmst also einen zusammenhängenden Ausschnitt der Welt, den du interessant findest.

Systeme sind zeitlich oder örtlich oder funktionell verbundene Elemente, die miteinander wechselwirken und sich so beeinflussen. Kannst du ein System mathematisch beschreiben, kannst du damit Aussagen über die Zukunft oder die Gegenwart des betrachteten Systems machen und gegebenenfalls beeinflussen. Zum Beispiel kannst du, wenn du die Umlaufbahn eines Satelliten mathematisch beschreibst, vorhersagen ob der Satellit in ein oder zwei Jahren vielleicht mit einem Meteoriten kollidiert, weiter um die Erde kreist oder vielleicht abstürzt. Für jede Beschreibung musst du dir darüber im klaren sein, was du wissen oder beeinflussen möchtest. Möchtest du die notwendige Energie zur Beschleunigung eines Satelliten beschreiben, musst du dir überlegen, welche Eigenschaften deines Satelliten diese beeinflussen. Da wären zum einen die Masse deines Satelliten, der Ort (gibt es eine Atmosphäre oder nicht?), welche kinetische Energie hat dein Satellit bisher und so weiter. Dies sind die Eingangsgrößen deines Systems und die Beschleunigung des Satelliten ist die Ausgangsgröße. Dinge wie Farbe und Material deines Satelliten sind dabei unwichtig, weil sie die Beschleunigung so gut wie nicht beeinflussen. Interessiert dich hingegen die Temperatur an einem bestimmten Ort in deinem Satelliten, zum Beispiel, weil das eine oder andere Bauteil nur unter bestimmten Temperaturen arbeitet, dann sind auch Dinge wie Farbe (Lichtabsorption) deines Satelliten, Materialien, Form, Stromstärken in den Schaltkreisen und die Umgebungstemperatur von Bedeutung.
Ein System kann Zustände haben, die stabil oder instabil sind. Beschreibt man die Erdumlaufbahn deines Satelliten, würde das bedeuten entweder der Satellit fliegt immer unbeirrt um die Erde, dann wäre seine Umlaufbahn ebenso stabil, wie wenn er auf die Erde stürzt. Letzteres wäre dann dauerhaft eine Fluggeschwindigkeit von Null mit dem Radius der Erde. Fliegt er hingegen in das Weltall, weil seine Geschwindigkeit zu hoch ist, ändert der Satellit dauerhaft seine Position und hat somit keine stabilen Zustände. Der Absturz des Satelliten wäre dabei eine stabile Ruhelage, weil auch kleine "Auslenkungen", also kleine Veränderungen der Systemgrößen immer wieder zu einem Absturz führen würden. Das dauerhafte Kreisen des Satelliten um die Erde ist hingegen keine stabile Ruhelage. Auch relativ kleine Veränderungen der Geschwindigkeit des Satelliten würden zum Absturz oder Wegfliegen führen. Prinzipiell ist die Unterteilung der Ruhelagen noch ein klein wenig komplizierter, aber so ist es an dieser Stelle völlig ausreichend.


Babyentstehung: Man kann auf diese Art und Weise auch andere Dinge beschreiben. Zum Beispiel die räumliche und zeitliche Verteilung der Konzentration von Molekülen oder Zellen. Habe ich also die erste Zelle zu einem Baby (die Zygote), verändert sich der Zustand dieser Zelle, durch äußere und innere Signalstoffe (Moleküle), sodass sie sich teilt und wieder teilt und wieder teilt, wobei jede Zelle genauso aussieht und funktioniert wie die erste Zelle. Irgendwann habe ich dann einen ganzen Haufen von Zellen. Da keine Zelle ein Gehirn hat und nicht denken oder sehen kann, "weiß" die Zelle nichts von sich und ihrer Umgebung. Man hat also nur Moleküle, die mit anderen Molekülen reagieren und zu neuen Molekülen werden oder produzieren.
Fraktale in einer Kugel. Zur Vorstellung,
wie verschiedene Konzentrationen verteilt sein könnten
und Muster ergeben.
Da die Zelle Kontakt zu Nachbarzellen hat bekommt sie aber Moleküle von diesen Nachbarn. Diese Moleküle können dann bewirken, dass die Zelle noch mehr solche Moleküle baut oder sich im Inneren anders verändert. An dieser Stelle ist dann die Stabilität von Bedeutung: kann ein Molekül dafür sorgen, dass die Zelle auf einmal sich immer mehr und immer weiter verändert oder findet die Zelle wieder zurück zu ihrem Anfangszustand? Ersteres wäre ein instabiler Zustand, zweitens ein stabiler. Am Anfang teilen sich die Zellen nur immer und immer wieder und finden dann zum gleichen Zustand wie vor der Teilung zurück. Dies wäre also ein stabiles System. Nun kann es aber passieren, dass nicht nur ein Molekül in die Zelle eindringt, sondern viele Moleküle und die Konzentration immer höher wird. Es ist also nicht nur eine kleine Auslenkung sondern eine große Veränderung der Eingangsgrößen. Dies kann, wie bei den Satelliten erklärt, dazu führen, dass das System (hier die Zelle) andere stabile Ruhelagen einnimmt. Diese Eigenschaft eines Systeme bezeichnet man als Bifurkation. Da die Zellen alle aneinander haften, sind manche Zellen weiter am Rand als andere. Führen jetzt Moleküle, die eine Zelle ausschüttet, dazu, dass andere Zellen diese Moleküle um so mehr produzieren, passiert es, dass die Zellen am Rand weniger dieser Moleküle abbekommen, als Zellen im Inneren. Die Zellen am Rand verändern sich daraufhin anders als die Zellen weiter in der Mitte. Kommen weitere Moleküle hinzu, auch von der Mutti von außen nach innen, die das Verhalten der Zellen beeinflussen, sind die Zellen nicht mehr gleich und reagieren auf zukünftige Signale nicht mehr gleich, denn es entstehen mit jedem neuen Molekül neue mögliche Muster der Verteilung. Würde ich also jeder Molekülart eine bestimmte Farbe mit einer bestimmten Intensität, je nach Konzentration, zuordnen, ergäbe sich daraus ein hübsches Bild. Das ich dies als hübsches Bild bezeichne, kommt nicht von ungefähr. Tatsächlich ist es so das Menschen wirklich solche "stabilen und regelmäßigen" Strukturen hübsch finden. Auf diese Art und Weise fangen manche Zellen dann an zu "wissen", dass sie Gehirnzellen werden sollen, oder zu Augen werden und so weiter. Die Muster der Verteilung solcher Signalstoffe ist dabei relativ stabil. Nehme ich also nur eine Zelle weg oder kommen ein oder zwei Zellen aus dem Takt, wird dieses Muster häufig trotzdem wieder erreicht, sodass die Veränderung der Zellen planmäßig erfolgt.

Lichtmikroskopieaufnahme
eines Embryo im Vier-Zell-Stadium.
Empfindliche Muttis: Nun habe ich dir ja gerade aber auch erklärt, dass bei zu starken Veränderungen nicht immer alle Muster gleich stabil sind und gleich gut wieder zu dem Muster werden, welches zu einem gesunden Baby wird. Ein fertiger Mensch hat diese stabilen Muster zwar auch noch notwendig, aber sie sind viel stabiler, da die äußere Form kaum weiter verändert wird. Außerdem besitzt ein fertiger Mensch Zellen, welche sich opfern können und sterben, damit bestimmte Gifte den anderen Zellen nicht schaden können und einige Zellen haben sich so spezialisiert, dass sie bestimmte Stoffe verdauen können, weil sie sich zum Beispiel nicht mehr teilen können. Ein Fötus oder Embryo hat das zum großen Teil alles noch nicht, oder nicht so stark ausgeprägt. Das ist einer der wichtigsten Gründe, warum schwangere Muttis besonders darauf aufpassen müssen, was in ihren Körper gelangt, damit es dem Baby nicht schadet. Es gibt auch andere Gründe aber die kommen später mal, in anderen Zusammenhängen. 
Zu den anderen Fragen:

Andere Lebewesen: Auch der benannte Schleimpilz findet sich so zusammen und sorgt für eine Veränderung jeder einzelnen Zelle, sodass ein kleiner "Wurm" entsteht. Und genau so "weiß" eine Pflanze, an welcher Stelle sie neue Blätter bauen muss oder bei welcher Temperatur und mit welchen Licht sie Blüten basteln muss, denn Moleküle und damit Zellen können auch durch Licht und Temperatur beeinflusst werden.

--anja--